Der Operettentenor und Schauspieler Walter Jankuhn

( 1888 – 1953 )

walter1Beginn der Karriere

Walter Jankuhn wurde am 14. 7. 1888 in Berlin geboren. Er hatte nach einer Ausbildung als Sänger diverse Engagements am Mellini-Theater in Hannover, sang und spielte dann auch an Berliner Bühnen. In dem 1892 errichteten ‚Neuen Theater‘ am Schiffbauerdamm übernahm 1911 ein gewisser Max Monti die Leitung des Hauses und überführte das Haus, das vorher ein Schauspieltheater gewesen war, in ein Operettentheater.

Schon in der ersten Spielzeit brachte Monti eine erfolgreiche Uraufführung heraus: Im Februar 1912 hatte ‚Der liebe Augustin‘ von Leo Fall Premiere. In der gelungenen Inszenierung spielte Fritzi Massary die Hauptrolle, Walter Jankuhn die männliche Hauptrolle. Es kam zu Aufnahmen auf Tonwalzen bei Edison mit Auszügen aus dieser Operette, wobei es sich um das Duett, das Walzerlied ‚Wo steht denn das geschrieben?‘, gesungen mit Mizzi Geissler als Partnerin, handelte.

Darüberhinaus hatte Walter Jankuhn 1912 ein Engagement in Hamburg am Neuen Operettentheater in einer Produktion ‚Was kost‘ Hamburg‘. Ein Photo zeigt ihn als Hahn im Korb inmitten von zehn Damen, die in der zu dieser Zeit üblichen Badebekleidung zu sehen sind. Der sinnige Spruch: ‚ In diesem Freibad ist das Baden bei Strafe verboten ‚ schmückt das Bühnenbild rechts oben. Zu diesem Zeitpunkt war Walter Jankuhn offenbar ein gut aussehender Mann und schon ein gefragter Operettentenor.

Das Große Schauspielhaus

Die Zwanziger Jahre waren das Jahrzehnt des beruflichen Aufstiegs und Erfolgs Walter Jankuhns. Von den politischen und geistigen Kämpfen der Zeit nahezu unberührt behauptete die Operette ihren Platz im musikalischen Leben Berlins der Weimarer Zeit. Ein Krieg war verloren, die herrschende Aristrokatie davongejagt – aber in der glitzernden Scheinwelt der Operette blieb alles weitgehend beim Alten. ‚Die Operette ist tot‘, hatten Kritiker schon am Ende des 19ten Jahrhunderts prophezeit, aber sie sollten nicht recht behalten, denn in der Weimarer Zeit brachen für das leichte musikalische Genre goldene Zeiten an.

Ein Spaziergänger, der Anfang der Zwanziger Jahre vom Theater am Schiffbauerdamm aus Richtung heutiger Reinhardtstraße ging, stieß auf ein gewaltiges expressiv-neusachliches Gebäude, das sogenannte Große Schauspielhaus. An dieser Stelle hatte sich bis 1918 eine Markthalle befunden, die auf Pfählen stand und als Zirkus diente. Max Reinhardt, einer der Großen des Berliner Theaters, hatte schon lange den Plan eines Riesentheaterraumes im Visier. Er wollte sich nicht mehr allein auf das gehobene Publikum der kaiserlich-bürgerlichen Gesellschaft stützen.

1919 wurde das neue Theater von Reinhardt unter dem Namen ‚Großes Schauspielhaus‘ eröffnet. 1923 übernahm Maximilian Sladek das Haus und überantwortete es entschlossen der Kunstgattung Operette. Es spielte in den kommenden 15 Jahren eine wichtige Rolle im Berliner Operetten- und Revueleben.

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Fritzi Massary, Walter Jankuhn, ‚Madame Pompadour‘, ‚Die Lustige Witwe‘

Der Aufstieg Berlins zum Weltzentrum der Operette in den zwanziger Jahren ist eng verbunden mit den Namen großer Stars, deren stimmlicher Glanz die Öde der Textbücher vergessen ließ. Königin unter den Operettenstars war Fritzi Massary, mit der Walter Jankuhn mehrfach zusammengearbeitet hat.

In der Zeit der beginnenden Inflation 1922 kam es im Berliner Theater am 9.9. 1922 zur Premiere der Operette ‚Madame Pompadour‘, mit Fritzi Massary in der Hauptrolle. Das Thema der Kokotte blieb anhaltend interessant für das Operettengenre. Der bewährte Leo Fall hatte die Musik für eine Handlung geschrieben, die sich diesmal nicht um eine moderne Kokotte drehte, sondern um eine Historische. Kritiker bezeichneten die ‚Madame Pompadour‘ textlich, musikalisch, stilistisch und zeitbezogen als Meisteroperette par excellance.

Walter Jankuhn machte bei der Wiederaufnahme der ‚Madame Pompadour‘, Premiere am 23.12.1927, an der Seite der Massary in jenem erwähnten Großen Schauspielhaus und bei einer Verfilmung im Jahre 1930 noch enge Bekanntschaft mit diesem Stoff. Die von Eric Charell revuemäßig überarbeitete Fassung der Pompadour war ein großer Erfolg für das Haus und die Protagonisten der Aufführung, also auch für Walter Jankuhn. Über seine sonstigen beruflichen Stationen und Engagements Mitte der Zwanziger Jahre ist ansonsten wenig bekannt. Er war 1925 in den USA und London wahrscheinlich aus beruflichem Anlaß, so zu entnehmen den entsprechenden Postkarten an seinen Neffen Alfred Jankuhn. ‚ Genauso ein Rummel wie in den USA, viele Grüße Walter und Mizzi ‚ schrieb er aus London.

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Walter Jankuhn in der Mitte von 10 Badeschönheiten, Bühnenbild im Neuen Operettentheater Hamburg, 1912

Werbung für die Operette „Madame Pompadour“ im Großen Schauspielhaus 1928 mit der Massary und Walter Jankuhn

Die Presse hatte bei der Pompadouraufführung noch gejubelt, hauptsächlich natürlich wegen der Massary. Dennoch war ihr Zenit erreicht, wenn nicht überschritten. Das von ihr verkörperte Frauenbild, changierend zwischen Kokotte und Grande Dame, stand zunehmend in Kontrast mit einem dem Zeitgeist eher entsprechenden androgynen Frauentypus, der auf Gleichberechtigung und Berufstätigkeit zielte.

Erik Charell ließ die Handlung der ‚Lustigen Witwe‘ für die Massary umbauen und die Gesangstexte ändern. Premiere war am 25.12.1928, unter den Partnern der Massary: Walter Jankuhn. Die Premiere fand dort statt, wo die Massary ihre Berliner Laufbahn begonnen hatte, im Metropoltheater. Die ‚Lustige Witwe‘ erwies sich als langlebigstes Werk dieser Epoche und feiert bis zum heutigen Tag immer wieder neue Auferstehungen. Die Inszenierung von Charell, die Einarbeitung der revueartigen Elemente, die auf die Massary zugeschnittenen Umarbeitungen bildeten eine wichtige Grundlage für das Überleben dieses Werkes. Wie schrieb Kurt Tucholsky: ‚Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes und Lehar ist dem kleinen Mann sein Puccini‘. Es folgten 1929 Platteneinspielungen Walter Jankuhns ‚der lustigen Witwe‘ sowohl mit Fritzi Massary als auch Uschi Elleot.

In dieser Zeit wurde auch wieder viel über eine Krise der Operette und des Theaters gesprochen. Andere meinten, es sei richtiger, von einer Krise des Publikums zu sprechen. Viele Bildungsbürger hätten in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ihr Vermögen verloren und auf das Theaterabonnement verzichten müssen. Ihre neureichen Nachfolger gelüstete es nicht nach gehaltvollen Inszenierungen, sie waren auf leichtere Vergnügungen aus, auf Nervenkitzel und Attraktionen. Die aber fanden sie im Variete und Kabarett, so etwas bot eher das neue Kino als die alte Bühne.

Der Film

Hatte der Film in seiner Anfangszeit ein noch etwas anrüchiges Image, so zog er im Laufe der Zwanziger Jahre immer mehr ‚seriöse‘ Schauspieler in dies Metier. Mit der Einführung des Tonfilms zog es dann auch die Protagonisten der singenden Schauspielkunst zum Film, wo mehr Geld verdient werden konnte.

Walter Jankuhn spielte 1928 in einer Stummfilmproduktion an der Seite der Stummfilmdiva Henny Porten die Hauptrolle des Harald von Lindenberg in dem Film „Lotte“. Produzent und Regisseur des Filmes war Carl Froelich. In weiteren Rollen waren u.a. Adele Sandrock und Elsa Wagner zu sehen. In einer Kritik vom 19.4.28 heißt es über die Premiere im Mozartsaal: „Alsdann betritt Frau Porten, von ihrem Regisseur Carl Fröhlich geleitet, ihre Loge. Das Publikum huldigt der Künstlerin. Der äußere Erfolg der Portenpremiere ist somit zu 75% von vornherein entschieden. Henny Portens Fangemeinde ist treu.“

Die entscheidende Schwäche des Films ist aber in der Story begründet, insofern sie letztlich ein altes Klischee in leicht veränderter Form bedient: Die Verbindung eines Mädchens niedrigen Standes mit einem Mann aus dem Adel. Rührseligkeit und großer Anstand, die diese Geschichte ermöglichen, bedienten althergebrachte idealistische Liebes-vorstellungen.

1929 bekam Walter Jankuhn eine Hauptrolle in dem ersten Tonfilm, der gänzlich in einem deutschen Atelier gedreht und produziert wurde. Er spielte und sang als Otto Raney in dem Streifen „Dich hab‘ ich geliebt“(Premiere 22.11.1929), der an der Kasse erfolgreich war und sogar bis in die USA exportiert wurde. In der Regie von Hans Conradi spielten neben Walter Jankuhn bekannte Schauspieler wie Hans Stüwe, Carl Platen, Trude Berliner und Hans Mierendorff. Ebenso erfolgreich war er mit dem gleichnamigen von Eduard May und Bruno Balz komponierten Schlager ‚Dich hab‘ ich geliebt‘, der im Jahr 1929 ein Hit war.

Der Film „Dich hab‘ ich geliebt“ hatte im Primuspalast und im Capitol Premiere. Die Kritik ging allerdings nicht zimperlich mit ihm um. „Erster Eindruck der Tonreproduktion: einfach scheußlich, aber dann allmählich gewöhnt man sich daran und zum Schluß hat einen die Handlung so in den Bann gezogen, dass man das Ganze sogar ganz nett findet. Störend ist es freilich, dass die Tonregie auf eine diskrete Musikuntermalung der Dialogszenen nicht glaubte verzichten zu dürfen. Desweiteren fällt einem unangenehm auf, dass eine Reihe von Gesangseinlagen allzu deutlich ad hoc eingefügt sind, eben weil der Film jetzt auch singen kann. Man merkt die Absicht und man wird verstimmt…… .“Börsen-Courier, 24.11.1929

Zum Weißen Rößl‘

1930 brachte Eric Charell im Großen Schauspielhaus die Inszenierung „Zum Weißen Rössl“ heraus. Die Geschichte vom verliebten Oberkellner, der die widerspenstige Wirtin zähmt und zur Liebe zwingt, war auch eine Hymne auf Österreich und die gute alte Kaiserzeit.

Von Charell wird das Stück einer radikalen Verjüngungskur unterzogen. Autoren und Komponisten wurden zusammengetrommelt und gingen in fieberhafter Eile ans Werk, um das angestaubte Orginal bis zum herbstlichen Theaterbeginn in eine flotte Singspielrevue zu verwandeln. Robert Gilbert, der Sohn des Operettenkomponisten Jean Gilbert, reimte die Gesangstexte. Ralph Benatzky übernahm die kompositorische Gesamtleitung und schrieb mehrere Musiknummern, darunter den schmissigen

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Fritz Massary und Walter Jankuhn: „Die Lustige Witwe“

Titelschlager. Er hatte Helfer und Zulieferer. Eduard Künnecke instrumentierte die Chöre, Bruno Granichstädten steuerte ‚Zuschaun kann i net‘ bei, Robert Stolz brachte ‚Die ganze Welt ist himmelblau‘ und ‚Mein Liebeslied muß ein Walzer sein‘ in das Gemeinschaftswerk ein.

„Im Weißen Rössl“ wurde zu einer der erfolgreichsten Inszenierungen in der Operettengeschichte. Die Partitur mit ihrem einmaligen Melodienreichtum ermöglichte am 8. November 1930 eine der denkwürdigsten Operettenpremieren, die Berlin je erlebt hatte. Die eingelegten Nummern von Robert Stolz, aber auch von Robert Gilbert ‚Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?‘ waren als Volkslieder konzipiert und sind es noch am Premierenabend geworden und bis heute geblieben.

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llustrierter Filmkurier zum Film „Lotte“, 1928

 

Camilla Spira spielte die Wirtin Josepha Vogelhuber, die nach mancherlei Irrungen und Wirrungen ihrem verliebten Zahlkellner Leopold alias Max Hansen ans treue Herz sinkt. Siegfried Arno als der schöne Sigismund, Otto Wallburg als blubbernder und  unzufriedener Gast, Paul Hörbiger als der alte östreichische Kaiser höchstselbst sowie Walter Jankuhn, Trude Lieske und Gustl Stark-Gstettenbauer waren die  Akteure dieser Aufführung.

Die Riesenarena des Schauspielhauses blieb für 416 Vorstellungen ausverkauft, und so vollendet war Charells Inszenierung, dass innerhalb eines Jahres überall in der Welt fast photographisch getreue Reproduktionen des Werkes erschienen. Die Londoner Aufführung mit 651 und die New Yorker mit 223 Reprisen hatten einen höchst bestimmenden  Einfluß auf moderne Methoden der Operettenproduktion und wurden damit zu einem wegweisenden Faktor in der Entstehungsgeschichte  des Musicals.

Das ‚ Weiße Rößl’ war nicht nur ein Triumph der zündenden, eingängigen Melodien. Es kam genau zur rechten Zeit auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Es entführt Arbeiter, Handwerker und kleine Geschäftsleute, die durch die Wirtschaftskrise zu unbefriststem, entbehrungsreichen Zwangsurlaub verurteilt sind, in die Idylle eines Ferienparadieses zwischen Berg und See. Ein Kaiserwort löst dort alle Probleme und weckt wehmütige Reminiszenzen an die gute, alte Zeit, wie sie niemals war. Der Großstadtalltag mit Lohnabbau und Straßenkrawallen wird für ein paar Stunden ferngerückt, ausgelöscht durch einen schönen, trügerischen Schein, der sich als Realität ausgab.
Weitere Filmrollen

1930 kam es dann zur Verfilmung der Geschichte der „Madame Pompadour“, mit Anny Ahlers in der Rolle der Pompadour und neuer Musik von Eduard Künnecke, Robert Stolz und Rudolf Nelson. Walter Jankuhn als Gaston de Meville, Wilhelm Bendow als Melange, Max Ehrlich als Hofbankler Cerf und Kurt Gerron als Ludwig XV. spielten in weiteren Rollen unter der Regie von Willi Wolff. Im Zeichen des aufkommenden Tonfilms wurden die Kinoleinwände von einer Flut dieser übermütigen und pompösen Operetten und- Musikspielfilmen überschwemmt.

Im November 1932 wurde im Theater am Schiffbauerdamm die „Glückliche Reise“ von Eduard Künnecke herausgebracht. Es sollte nach einer Reihe von schwächeren Werken des Komponisten sein zweiter großer Erfolg (nach dem „Vetter von Dingsda“) werden. Lizzi Waldmüller hieß die mitreißend temperamentvolle Soubrette, Leo Peukert der Regisseur. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Theater geschlossen, so dass der Erfolg nicht wirklich ausgekostet werden konnte. Walter Jankuhn landete mit einem Tango aus der Operette „Glückliche Reise“ aber noch einen großen Hit.

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Szene aus „Stürmisch die Nacht“, Walter Jankuhn und Maria Matray,1930

Diese Aufführung von Künnekes Operette blieb über Jahrzehnte die erste und einzigste Darbietung des Werkes. Und dass, obwohl die „Glückliche Reise“ einiges zu bieten hat. Ist die Handlung ganz im Zeichen der Operette einfach und mit Konflikten ‚light’ befrachtet, hat sich die Musik deutlich von den klassischen Vorbildern entfernt. Anstelle des üblichen Streichorchesters kommt eine vornehmlich aus Bläsern und Schlagzeugern zusammengesetzte ‚Band’ zum Einsatz, deren Klangfarben oft an die Musik Kurt Weills erinnern. Statt des Wiener Walzers gelangen jetzt lateinamerikanische  und dem Jazz entliehene Rhythmen aller Art zu Gehör. In der neuesten Zeit erinnert man sich wieder dieser Operette durch Neuinszenierungen.                   ( Darmstadt, Schwerin )

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Premiere „Im Weißen Rössl“, Großes Schauspielhaus, Berlin 1930, v.links: Paul Hörbiger, Otto Wallburg, Willi Schaeffers,Tamara Desni, Siegfried Arno, Trude Lieske, Walter Jankuhn,Käthe Lenz,Max Hansen,Camilla Spira, Gustl Stark-Gstettenbauer

Drittes Reich

Die nichtarischen Komponisten Paul Abraham, Ralph Benatzky,, Kalman, Oscar Strauss, Ascher, Granichstaedten und Gilbert mussten das Land verlassen und ihre Werke durften nicht mehr gespielt werden. Dieses Verbot galt selbst für den schon 10 Jahre lang toten Leo Fall. Was da noch blieb an Operette war nicht mehr allzu viel.

Walter Jankuhns Kollege von der Pompadourverfilmung 1930, Kurt Gerron, der 1928 in der Dreigroschenoper mitgewirkt hatte, wurde z.B. am 1.4.1933 direkt vom Set des Filmes „Amor an der Leine“ von seinem Arbeitsplatz als Regisseur vertrieben, in dem ihm sein gültiger Filmvertrag ‚aus gegebener Veranlassung’ fristlos gekündigt wurde. Kurze Zeit später emigrierte er wegen der ständigen Anfeindungen mit seiner Frau nach Holland. Walter Jankuhn war von dem politischen Umbruch nicht unmittelbar betroffen, aber viele seiner Kollegen.

Paul Hörbiger beschreibt in seinen Erinnerungen ausführlich, wie es sich bei seinem Freund Otto Wallburg, zugetragen hat. Walter Jankuhn hatte mit beiden in dem ‚Weißen Rössl’ brilliert. Wallburg kam mit seiner fristlosen Kündigung zu Hörbiger und fragte ihn: ‚Paul, würdest du meine Vertretung beim Schiedsgericht übernehmen?’ Beim Schiedsgerichtsverfahren wurden die Parteien durch Standesangehörige vertreten. Hörbiger konnte in dem Verfahren einen Vergleich für Wallburg herausschlagen. Zweidrittel der Gage, aber nicht die Vertragsfortsetzung unter annehmbaren Bedingungen konnte er erreichen. Wallburg durfte dann noch etwas Theater spielen, bevor er nach Österreich emigrierte.

1934 erhielt Walter Jankuhn nochmals eine Rolle in einem Spielfilm. Mit Adele Sandrock, Erik Ode und Georg Alexander spielte er in dem Streifen ‚Zigeunerblut’ unter dem Regisseur Charles Klein. Der Film wurde aber in der Kritik als ziemlich überholte Story verrissen, wo bewährte Darsteller nur von ihrer schon bekannten wirksamsten Seite gezeigt wurden. Auch in den vorhergehenden Filmen kommt Walter Jankuhn vor allem bei der Beurteilung seiner sängerischen Fähigkeiten gut weg,  während seine rein darstellerischen  Fähigkeiten eher kritisch gesehen wurden. Aus diesen Gründen kam es wohl auch, was den Film betraf, zu keinen weiteren Engagements.

In  der Folgezeit war Walter Jankuhn wieder vornehmlich auf der Bühne zu sehen, z.B. 1937 im Admiralspalast, direkt gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße. Einst ein Eislaufpalast, wurde er in den Zwanziger Jahren dann Schauplatz der berühmten Hallerrevuen, deren Handlung durch die spärlichst bekleidete Girl-Truppe bereichert wurde. Das war lange vorbei. Herman Haller, den die Nazis mit dem Kompliment „Revue-Jude“ bedachten, hatte Deutschland längst verlassen. Wer jetzt nackte Brüste sehen wollte, dem mußten Arno Brekers steinerne Figuren genügen.

Wie schon 1930-32 wurde seit 1935 im Admiralspalast unter dem neuen Direktor Kapellmeister Walter Hochtritt die einheimische Operette gepflegt. 1932 spielte in Künnekes „Liselott“ Hilde Hildebrandt neben Gustav Gründgens und Käthe Dorsch in diesem Haus. Dies sei erwähnt, weil es hier im Admiralspalast offensichtlich direkte berufliche Berührungspunkte zwischen ihr und Walter Jankuhn gegeben hat, und von beiden das ernstzunehmende Gerücht existierte, sie hätten eine langanhaltende Liäson miteinander gehabt.

Im September 1937 ließ man die Operettenseligkeit hinter sich. Revueoperette war die richtige Bezeichnung für die Novität des Hauses. Der Sänger  Robert Dorsay hatte sich entschlossen, dem Althergebrachten etwas entgegenzusetzen, etwas, das den eigenen Vorstellungen entspricht.

Also schrieb Dorsay mit Walter W. Espe und dem Komponisten Victor Corzilius eine eigene Operette. Aus einem amüsanten, abwechslungsreichen Textbuch und einer quirligen, teilweise bedenklich schrägen Musik wurde die Revueoperette „Heut bin ich verliebt“. Den Titelschlager singt Robert Dorsay. „Komm tanz mit mir Swingtime“ animiert eines der anderen Lieder. Unter den Akteuren Walter Jankuhn.

So ging die Revueoperette in 14 Bildern jeden Abend über die Bühne des Admiralspalastes, riß das Publikum mit, wurde zur Attraktion. Da swingte Robert Dorsay, da tanzten die 24 Admiralgirls, da sangen und spielten die ‚laszive Charlotte Susa, die niedliche Gretl Theimer, der drollige Erwin Biegel, der schöne Walter Jankuhn, das Münchener Orginal Hans Stadtmüller und der Regisseur des Stückes, Kurt Seiffert.’ notierte die Presse.

Dorsay war über Monate der Star des Abends. Schleunigst wurde, zusammen mit dem Orchester Billy Bartholomew, eine Schallplatte herausgebracht, jeder der mochte, konnte sich nun Swingtime nach Hause holen. Im Großdeutschen Rundfunk bestand ein Sendeverbot für Swingmusik. Ob darunter auch diese Platte fiel, ist unklar? Sie entsprach zwar nicht amerikanischem und englischem Standard, aber sie swingte! Robert Dorsay kümmerte  sich nicht um diese Verbote, vielmehr  reizten sie ihn. Er verstand die Leisetreterei vieler seiner Kollegen nicht. Diese seine Haltung sollte ihn fast auf den Tag genau sechs Jahre später das Leben kosten.

Walter Jankuhn überstand Nazideutschland und den Krieg. Über die berufliche Karriere von Walter Jankuhn in den Vierziger Jahren liegen augenblicklich keine Informationen vor. 1940 war Walter Jankuhn 52 Jahre, d.h. dass sich auch für ihn die spielbaren Rollen eher reduziert haben. Möglicherweise ging er auch wieder öfter an seine Ursprungsbühne nach Hannover zurück. Walter Jankuhn lebte in  Berlin in der Münchener Straße im Bayrischen Viertel, wo er 1953 starb.
Rudolf Jankuhn, Berlin, Oktober 2006
v.i.S.d.P. Rudolf Jankuhn, 13086 Berlin, Max-Steinkestr.35, Tel.030/92401864, e-mail: rudolf.jankuhn@vehrigs.de

Carola Stern, Die Sache die man Liebe nennt, Das Leben der Fritzi Massary,Rowohlt, Berlin 1998, Otto Schneidereit,Berlin wie es weint und lacht,VEB Lied der Zeit, Berlin 1968, Bernard Grun, Kulturgeschichte der Operette, Ulrich Liebe,’ Verehrt, Verfolgt, vergessen’, Schauspieler als Naziopfer, Beltz Quadriga Verlag, 1992
Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek BerlinSchriftgutarchiv, PhotoarchivIllustrierter Filmkurier, 1286, 2127, 1513, 1450,833a
Walter und Otto Jankuhn, Breslau, Zwanziger Jahre

Ausführliches Material zum Wirken und Leben von Walter Jankuhn ist zu finden unter Kammersänger Walter Jankuhn

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Walter und Otto Jankuhn, Breslau, Zwanziger Jahre

 

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Über Rudolf Jankuhn

Man kann Rudolf Jankuhn gut und gerne als Großstadtmenschen bezeichnen, als Großstadtneurotiker womöglich, der die Reibung sucht und braucht, ebenso wie die Ruhe, aber eben noch mehr die Anbindung an andere denkende, suchende, schaffende Geister, den Austausch, die gegenseitige Inspiration. Als Künstler ist Rudolf Jankuhn Autodidakt. Sein Weg zur Malerei führte über das Studium der Kunstgeschichte.

Ein fast manischer Wissensdurst, der weit über den Bereich der Bildenden Kunst hinausgeht, ist bis heute kennzeichnend für den Menschen und Künstler Rudolf Jankuhn. weiterlesen →

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